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BRD-DDR-Zeitzeugengespräch mit Überraschungen

In einem spannenden Zeitzeugengespräch trafen Zwölftklässler:innen auf einen Zeitzeugen, Thomas Raufeisen, der auf eine wechselvolle Geschichte zwischen BRD und DDR mit überraschenden Wendungen zurückblickt. Eine Schülerin berichtet:

Von Emilia Oberle (S3)

Wie schafft man es, Geschichte greifbar zu machen und den damaligen Zeitgeist zu vermitteln?

Genau dieses Gefühl durfte der Kunst-Geschichte-Profilkurs 12 von Herrn Hanke durch ein Zeitzeugengespräch mit Thomas Raufeisen erleben. Er verbrachte seine Jugend sowohl in der BRD als auch in der DDR. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Erfahrung trotz der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg kam, erzählte er uns in zwei spannenden Stunden voller unerwarteter Wendepunkte. Sein Lebenslauf machte den Alltag und die politische Brisanz der Zeit des Kalten Krieges auf eindrucksvolle Weise deutlich.

Das Gespräch begann mit seiner Kindheit in der BRD und führte uns bis zu seinem 16. Lebensjahr – dem Alter, in dem sich sein Leben grundlegend veränderte. In diesem Alter kam es zu einer vorschnellen Reise in den Osten, die für Thomas Raufeisen zunächst wie ein Abenteuer wirkte. Doch schneller als erwartet wendete sich das Blatt. Nach der Überquerung der Grenze wurde Thomas Raufeisen und seinem Bruder deutlich, dass etwas nicht stimmte. Bei einer Rast in einer Gaststätte wurden die Kinder gebeten, draußen zu warten. Wie sich herausstellte, warteten bereits Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Vater. Er arbeitete über 30 Jahre lang als Spion im Westen für das Ministerium. Da er enttarnt worden war, musste er schnell mit der Familie in die DDR übersiedeln. Diese verborgene Wahrheit kam in diesem Moment ans Licht. Thomas Raufeisen sagte rückblickend: „Das Vertrauen zu meinem Vater war von da an gebrochen.“

Von diesem Zeitpunkt an folgte in seinem Leben ein Wendepunkt nach dem nächsten. Um seine Geschichte für uns noch greifbarer zu machen, unterstützte er seine Erzählungen mit einer Präsentation, die Bilder aus jener Zeit zeigte. Nach diesem einschneidenden Erlebnis lebte Thomas Raufeisen in der Deutschen Demokratischen Republik und entwickelte den starken Wunsch, in seine Heimat Hannover in die Bundesrepublik Deutschland zurückzukehren. Doch bis es so weit war, musste er schwere Zeiten durchstehen. Er berichtete von einer gescheiterten Flucht, bei der er gemeinsam mit seinen Eltern gefasst wurde. Daraufhin wurde er in das Gefängnis (heutige Gedenkstätte) Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Als republikflüchtling war – bis auf seinen Bruder, der bereits durch einen Ausreiseantrag wieder in der BRD lebte – die Familie inhaftiert: in getrennten Zellen.

Nach seiner Inhaftierung siedelte Thomas Raufeisen dann wieder zurück in die BRD.

Für uns Schüler:innen war das Gespräch durchweg offen und verständlich gestaltet. Durch Nachfragen konnten wir die geschilderten Situationen noch besser nachvollziehen. Die dramatischen Jahre seiner Jugend hinterließen einen bleibenden Eindruck und führten uns vor Augen, wie wertvoll Freiheit und Demokratie sind. Zeitzeugengespräche wie dieses vermitteln nicht nur ein tieferes Verständnis für die Vergangenheit, sondern ermöglichen zugleich einen dankbaren und bewussten Blick auf unsere heutige Realität. BlueCrew

Leben in der DDR: Gespräch mit Angélque und Andreas Kästner

Begegnungen mit Zeitzeugen können von unschätzbarem Wert sein, da sie über die Vermittlung geschichtlichen Wissens hinaus vielschichtige, teils unmittelbar emotionale Einblicke in Lebenszusammenhänge aus anderen Zeiten ermöglichen. Was prägte eigentlich eine Jugend in der DDR? Von einer intensiven Begegnung berichtet ein Schüler des 12. Jahrgangs:

Von Umut Brieskorn (S4)

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts durften die Schüler:innen des Kunst-Geschichte-Profils in Begleitung von Herrn Hanke an einem besonderen Zeitzeugengespräch teilnehmen: Angélique und Andreas Kästner, ein Hamburger Autorenpaar, besuchte unsere Schule, um den Schüler:innen einen persönlichen Einblick in ihre außergewöhnlichen Lebens- und Berufserfahrungen zu geben. 
Sie berichteten über ihre Lebenswege und erzählten, wie sie diese in ihre literarischen Werke einfließen lassen. 

Angélique Kästner ist Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Sie arbeitete viele Jahre in der Psychiatrie und war lange ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam tätig, wo sie Menschen unmittelbar nach traumatischen Erlebnissen unterstützte.

Andreas Kästner, geboren in Wismar und aufgewachsen in Rostock, schilderte eindrücklich seine Jugend in der DDR. In Rostock erfuhr er schon in jungen Jahren die allgegenwärtige staatliche Kontrolle des DDR-Systems, die er den Schüler:innen offen näherbrachte. Nach seiner Ausbürgerung verließ er die DDR und zog nach Hamburg, wo er später bei der Wasserschutzpolizei im Hamburger Hafen arbeitete.

Als Autorenpaar führen sie ihre beiden Kompetenzen zusammen: Während Andreas Kästner seine Erfahrungen aus Leben und Beruf einbringt, ergänzt Angélique Kästner dies mit ihrem psychologischen Verständnis. Zusammen schreiben sie die Krimireihe „Tatort Hafen“, die im Hamburger Hafen spielt und durch ihre Authentizität überzeugt.

Beide berichteten uns nicht nur von ihren literarischen Werken, sondern auch von persönlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit Andreas Kästners: von seiner Jugend in der DDR, die geprägt war von staatlichen Jugendorganisationen wie den Jungpionieren und der FDJ, welche schon früh politische Inhalte und Ideologien an Jugendliche heranführten und als Mittel genutzt wurden, um die Loyalität gegenüber dem Staat zu fördern. 

Besonders eindrücklich für die Schüler:innen waren die Schilderungen zur eingeschränkten Freiheit. Reisefreiheit existierte kaum, der Zugang zu Musik oder Produkten aus dem Westen war stark begrenzt. Andreas Kästner berichtete aus eigener Erfahrung, dass jene Westprodukte, die er persönlich besaß, konfisziert oder auf der Stelle zerstört werden mussten. Man habe „auf Linie sein“ sein müssen, um nicht von der so genannten Volkspolizei als Störfaktor erachtet zu werden. Dies bedeutete, sich anzupassen und möglichst nicht aufzufallen.

Ein weiterer heute undenkbarer Aspekt für die Schüler:innen war die Zuweisung von Berufen und Ausbildung durch den Staat. Zwar war Andreas Kästner in der Lage, seinen Wunschberuf als Matrose zu ergreifen, durch familiäre Umstände jedoch sah es in der Gruppe seiner engen Freunde anders aus. Über den Einfluss, den sie auf sein Leben genommen haben, berichtete Andreas Kästner ebenfalls. Sie finden zudem in den Werken Kästners eine zentrale Bedeutung.

Ein wichtiger Bestandteil des Gesprächs betraf die Rolle der Staatssicherheit. Herr Kästner berichtete offen darüber, wie die Stasi versuchte, Menschen nicht nur zu überwachen, sondern gezielt zu verunsichern und gegeneinander auszuspielen.  So erreichte das Zeitzeugengespräch seinen Höhepunkt, als Andreas Kästner über die persönliche Erfahrung damit schilderte, was als „Zersetzung“ bezeichnet wurde. Das Vorgehen der Stasi zielte darauf ab, Vertrauen zu zerstören, Beziehungen zu belasten und Betroffene psychisch zu destabilisieren. Besonders erschütternd war die Erkenntnis, dass selbst sein engster Freund als inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi tätig war.

Die Schüler:innen hörten aufmerksam zu und stellten zahlreiche Fragen. Besonders deutlich wurde dabei, wie schwer es ist, sich ein Leben unter solchen Bedingungen vorzustellen und wie wichtig Zeitzeugengespräche sind, um historische Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

Der Besuch von Angélique und Andreas Kästner machte ihre Geschichte auf eindrucksvolle Weise greifbar und zeigte, dass die DDR nicht nur ein politisches System war, sondern ein Alltag, der von Kontrolle und Zersetzung geprägt war.
Des Weiteren regte das Gespräch dazu an, über den Wert von Freiheit, Vertrauen und demokratischen Grundrechten nachzudenken, die heute selbstverständlich erscheinen, es aber nicht immer für jeden waren.

Wir danken Angélique und Andreas Kästner herzlich für ihren Besuch und die Einblicke, die weit über den Geschichtsunterricht hinausgehen.

„Dann wusste ich, es gibt kein Zurück…“

Im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs hatte der Geschichtskurs des 11. Jahrgangs von Herrn Hanke Gelegenheit, mit Zeugen des Mauerfalls von 1989 zu sprechen.

Kein Datum der deutschen Geschichte ist so schicksalsträchtig, wie der 9. November. An diesem Tag im Jahr 1848 scheitert die „Märzrevolution“, 1918 ruft Philipp Scheidemann die erste Deutsche Republik aus, 1923 misslingt in München der „Hitlerputsch“ und an einem besonders dunklen 9. November der deutschen Geschichte brennen 1938 in der „Reichspogromnacht“ jüdische Geschäfte und Synagogen.

Ein glückliches Ereignis verbinden wir mit 9. November 1989, als friedliche Demonstrationen zum Fall der Berliner Mauer und in der Folge zur deutschen Wiedervereinigung führen.

Zwei Zeitzeugen, die 1989 etwa 18 Jahre alt waren, schilderten im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Oberstufenkursen ihre Erinnerungen und unterschiedlichen Sichtweisen auf die DDR. Der eine sah Chancen in der DDR, während der andere bereits mit 14 Jahren wusste,  dass er aus diesem Staat herauswollte, und in der Folge mit seiner Mutter auch Republikflucht beging. Damals habe er gewusst: „Es gibt kein Zurück.“

In der multiperspektivischen und kontroversen Debatte hatten die Schüler:innen Gelegenheit, Fragen zu stellen und ins Gespräch einzutreten. Der Austausch vollzog sich auf einem sehr hohen Niveau und wurde sogar noch nach Beendigung der Veranstaltung mit den Zeitzeugen persönlich weitergeführt. „Man konnte in dem Gespräch gar nicht alle Fragen stellen“, berichtet Felix (S1), „und im persönlichen Gespräch nach der großen Runde war es sogar noch persönlicher und offener.“

„Ich habe viel Neues mitgenommen“, findet Lotta, und Famke pflichtet bei: „Ich hatte immer mal etwas von meinen Eltern gehört, aber hier waren wir richtig nah dran.“ Lina zeigt sich besonders beeindruckt von einem prägenden Moment, von dem der DDR-kritische Zeitzeuge berichtete: Er sei nach seiner Flucht aus der DDR einem österreichischen Polizisten begegnet und der habe einfach „Hallo“ gesagt. Ein freundlicher Polizist sei für ihn damals ganz und gar neu gewesen, in der DDR habe man immer Angst vor den Staatsbediensteten gehabt.

Die Zeitzeugen hätten viele persönliche Dinge erzählt, die zugleich das Leben von Jugendlichen in der DDR vor Augen geführt hätten, berichten die Schüler:innen des Geschichtskurses, etwa wenn es um die Schulnoten oder die Berufe der Eltern gegangen sei – beides entscheidend auch für Berufsmöglichkeiten der Kinder. Der Austausch sei „eine tolle Möglichkeit gewesen, einmal mit ‚Geschichtsbüchern‘ lebendig in den Austausch zu gehen“, resümiert Herr Hanke, „zumal eines Tages jeder zum Zeitzeugen wird.“ Und er ergänzt an die Schüler:innen gewandt: „Auch eure Kinder werden euch sicherlich zu euren Zeiterlebnissen und Gedanken und Gefühlen befragen. Hoffentlich!“